Fünf Jahrzehnte
österreichischer Dokumentarfilm.
Wir sind ein Wiener Produktionsunternehmen mit einer ungewöhnlichen Geschichte. Sie beginnt 1926 mit einem Kind aus dem 3. Bezirk, führt durch Krieg, Nachkrieg und Wirtschaftswunder, durch 700 Kinosäle und 84 Länder, durch die erste Sendeminute der Seitenblicke und endet — vorläufig — in der Brotfabrik im 10. Bezirk, wo täglich an neuen Dokumentarfilmen gearbeitet wird. Das Wichtigste dabei ist gleichgeblieben: die Geschichten.
1926 · Der Gründer
Otto Pammer wird am 9. Mai 1926 in Wien-Erdberg geboren, als zweites Kind eines Tramway-Schlossers und einer galizischen Bedienerin, die im Ersten Weltkrieg nach Wien geflohen war. Armut ist keine Ausnahme, sondern Normalzustand. Ein einziger Verdiener, vier Menschen, keine Reserven. Die Mutter gibt Otto das Wichtigste mit: Eigeninitiative. Als er sechs Jahre alt ist, arbeitet er anderthalb Jahre als Kegelbub — um sich eine Hohner-Harmonika zu verdienen. 80 Schilling. Die Harmonika begleitet ihn durch den Krieg, die Bombentrichter der Lobau und sein ganzes Leben.
August 1943: Reichsarbeitsdienst in Südmähren. September 1944: Einzug als Panzergrenadier. Die Elternwohnung wird ausgebombt, Otto nutzt den Bombenurlaub zur Desertion. Drei Monate versteckt er sich in der Lobau, überlebt die letzten Kriegstage in Wien mit einem schwarzen Lackschuh am linken und einem braunen Lederschuh am rechten Fuß. „Die Russen ließen uns laufen, weil sie uns jungen Buben nicht zutrauten, daß wir überhaupt Soldaten waren.“
1945. Wien liegt in Trümmern. Ein Freund von Otto besorgt zwei Arriflex-Kameras ohne Ton — solche, die Kriegsberichterstatter verwendet hatten. Die beiden filmen das zerbombte Wien. Fritz Erban, Präsident der Filmgewerkschaft, sieht sie dabei und vermittelt Otto Pammer als Volontär zur Wien-Film. Dort arbeitet er sich durch alle Stationen: Volontär, Kamera-Assistent, Schwenker, Kameramann.
1947 wechselt er zu Kurz- und Dokumentarfilmen. Die Gelegenheit kommt 1950, als die alliierte Wochenschau einen Skifilm mit Dagmar Rom dreht. Am Großglockner bedient Pammer eine von fünf Kameras. Am Abend danach ist ihm klar: das Aktuelle interessiert ihn mehr als der Spielfilm.
1950 · Die Wochenschau
1. Mai 1950. Otto Pammer tritt bei der Fox Tönenden Wochenschau ein — der österreichischen Linie der amerikanischen Fox Movietone News. Eine Verbindung, die 24 Jahre halten wird.
Am 1. September 1953 wird er zum Produktionsleiter und Geschäftsführer der Fox Tönenden Wochenschau in Österreich ernannt. Büro: Neubaugasse 1, 7. Bezirk. Er übernimmt ohne Auto, ohne Kamera, ohne Büromobiliar — sein Vorgänger hatte alles mitgenommen. Pammer borgt sich Geld, mietet ein Büro, kauft Ausrüstung und ist allein zuständig für Kamera, Schnitt, Texte und Vertrieb.
„Allein auf mich selbst gestellt, war ich zugleich Kameramann, Texter, Cutter und Chauffeur. Ca. 700 Kinos gab es damals in Österreich, und so wurden immer 700 Kopien verpackt und mit Bahnexpreß an die verschiedenen Lichtspielhäuser geschickt.“
Österreichs Neutralität macht ihn zum Einzigen, der im Ostblock filmen darf. Er wird zum Leibkameramann Chruschtschows, filmt Staatsbesuche und Konferenzen. Er ist dabei, als Kennedy 1961 über die Wiener Ringstraße fährt. Er ist in Budapest, als 1956 der Aufstand ausbricht — drei Wochen, Tag und Nacht, zwischenzeitlich totgesagt. Er filmt den Prager Frühling 1968, den Staatsvertrag 1955, den ersten Wiener Opernball nach Kriegsende 1956.
In rund 24.000 Beiträgen in 24 Jahren können 84 Länder die Ereignisse in Österreich verfolgen. Das Vertriebsnetz läuft über München, Paris, London und New York. Österreich wird durch diese Berichterstattung weltweit bekannt — kein Nebenprodukt, sondern Absicht.
1965 gestaltet Pammer die Wochenschau-Dokumentation „20 Jahre Republik Österreich“, 1968 die historische Dokumentation „50 Jahre Republik Österreich“. Beide werden von den Bundesministerien für den Schulunterricht eingesetzt und preisgekrönt.
Das Fernsehen macht der Wochenschau das Leben schwer. 1974 stellt die Fox Tönende Wochenschau ihren Betrieb in Österreich ein.
1974 · Die Pammer Film
Nach 24 Jahren Fox gründet Otto Pammer seine eigene Produktionsfirma: die Pammer Film. Den ersten großen Auftrag erhält er vom Konsum für Werbefilme — damit ist die Pammer Film das erste österreichische Produktionsunternehmen, das für eine Handelskette Werbung dreht. In der Folge entstehen Industrie- und Modedokumentationen, Sportfilme, TV- und Kinospots.
Die technische Entwicklung ist Pammers eigentliche Leidenschaft. Als die 3/4-Zoll-Elektronik zur modernsten Aufnahmetechnik wird, rüstet er als einer der Ersten um. Wer das Gerät nicht ständig erneuert, verliert — diese Maxime prägt das Unternehmen bis heute.
Seinerzeit — ab 1980. 1980 startet im ORF „Seinerzeit“. Pammer besitzt umfangreiches Archivmaterial aus der Fox-Zeit — aus einer Epoche, als es noch kein Fernsehen gab. Prominente werden zu ihren Erinnerungen befragt, die Archivbilder machen die Vergangenheit lebendig. Eine Neuerfindung im österreichischen Fernsehen, die bis 1999 sechsmal jährlich läuft.
Helmi — ab 1982. Die Pammer Film erhält den Auftrag des Kuratoriums für Verkehrssicherheit für die Kinder-Verkehrssicherheitssendung „Helmi“. Über Jahrzehnte wird die Figur zu einer festen Größe der österreichischen Kinderprogrammlandschaft.
1987 · Die Seitenblicke-Ära
28. September 1987, 20:05 Uhr, ORF 2. Die erste Sendung der „Seitenblicke“ geht auf Sendung. Die Anfänge sind chaotisch: das erste Studio ein Hinterhof im 7. Bezirk, die Redaktion in einer Hausmeisterwohnung ohne Wasser und WC. Kein Mitarbeiter hat TV-Erfahrung. Pammer schult sein Team durch Praxis. Wer die Kamera in der Hand hält, verantwortet das Bild.
Als die Seitenblicke nach der ZiB 1 ins Programm kommen, explodieren die Einschaltquoten. Der Begriff „Seitenblicke-Gesellschaft“ findet 2009 Eingang in den Duden. In zehn Jahren Pammer-Produktion entstehen rund 3.000 Sendungen.
1992 verleiht die Kammer der gewerblichen Wirtschaft Otto Pammer den Ehrentitel Kommerzialrat, 1996 folgt die Julius-Raab-Ehrenmedaille. 1996 vergibt der ORF die Produktionsrechte nach einer Ausschreibung an Interspot Film — zehn Jahre Pammer-Seitenblicke gehen zu Ende.
1997 · Historische Dokumentation
Nach dem Ende der Seitenblicke-Produktion konzentriert sich die Pammer Film auf historische Fernsehdokumentationen — das Genre, für das das Archivmaterial des Gründers am besten geeignet ist.
1998 erhält die Pammer Film nach einer internationalen Ausschreibung den Auftrag der Europäischen Kommission, die Aktivitäten Österreichs während des EU-Ratsvorsitzes dokumentarisch festzuhalten. 2002 wird Otto Pammer der Ehrentitel Professor verliehen, 2003 folgt das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Niederösterreich.
Zu seinen letzten Produktionen zählen „Vom Kriegsende 1945 bis zum Staatsvertrag 1955“ (2005), „50 Jahre Volksaufstand in Ungarn“ (2006) — eine Rückkehr an den Ort seiner bewegendsten Reportage — sowie „Die Erfindung Europas: (un)erwartete Folgen des Marshallplans“ (2008).
In der Nacht vom 28. auf den 29. Dezember 2008 stirbt Otto Pammer im 83. Lebensjahr. Am 16. Januar 2009 wird er unter großer Anteilnahme am Ober-St.-Veiter Friedhof in Wien beigesetzt.
2009 · Neustart
Mitte 2009 übernimmt Wolfgang Winkler, selbständiger Produzent und ehemaliger Mitarbeiter des Hauses, die Pammer Film. Aus der Otto Pammer Filmproduktion wird die Pammer Film GmbH.
Die Entscheidung ist klar: konsequente Fokussierung auf das, was dem Haus am besten liegt — historische und gesellschaftliche Dokumentarfilme. Hochwertig, präzise recherchiert.
In den Jahren danach ist das Unternehmen an verschiedenen Wiener Standorten tätig — Filmstadt Wien Rosenhügel, Laxenburgerstraße 2 (1100), Traviatagasse 35 (1230), Kolpingstraße 19 (1230) — bevor es im Oktober 2025 seinen aktuellen Sitz in der Brotfabrik Wien, Absberggasse 29 / Loft 5, 1100 Wien, bezieht.
2012 entsteht für ORF III in Koproduktion mit dem BMUKK der Vierteiler „Wie wir wurden, was wir sind: Generation Österreich“ — gestaltet von Gerhard Jelinek, Birgit Mosser-Schuöcker und Wolfgang Winkler. Eine frühe Weichenstellung: ORF III wird der wichtigste Partnersender der neuen Pammer Film.
2015 · Das Dokumentarfilm-Haus
In den folgenden Jahren etabliert sich die Pammer Film GmbH als verlässliche Größe im österreichischen Fernseh-Dokumentarfilm. Die Zusammenarbeit mit ORF III, ORF 1, ORF 2, 3sat und ServusTV verdichtet sich. Das Produktionsprofil ist klar: österreichische Geschichte — Monarchie, Republik, Krieg und Aufbau, Zweite Republik, Europa. Persönlichkeiten, Orte, das kollektive Gedächtnis eines Landes in bewegten Bildern.
Das Kernteam umfasst sieben Personen: Wolfgang Winkler und Doris Liebhart sowie fünf unbefristet angestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ergänzt durch ein bewährtes Netzwerk aus freien Regisseurinnen, Kameraleuten, Cuttern und Autoren. Wolfgang Winkler steht für Projektentwicklung und Akquisition, Doris Liebhart für Produktion, Finanzen und Geschäftsführung.
2023 · Österreich – Die ganze Geschichte
2023 startet auf ORF III eines der ambitioniertesten Projekte des österreichischen Fernsehens: „Österreich – Die ganze Geschichte“. 40 Folgen, vier Staffeln, von 996 bis in die Gegenwart. Pammer Film ist als Produktionspartner dabei — produziert die Staffel 3 (2025), die die Jahre 1914 bis 1955 behandelt und am 1. Mai 2025 auf ORF III startet. Das Gesamt-Projekt erhält 2024 den Hugo-Portisch-Preis.
Heute, 2026, ist die Pammer Film GmbH in der Brotfabrik Wien beheimatet — 52 Jahre nach der Gründung, wenige Kilometer vom 7. Bezirk entfernt, wo in der Neubaugasse 1 alles begann.
Pammer Film · Im Überblick
Gegründet 1974 von Otto Pammer (* 1926, † 2008) · Übernahme 2009 durch Wolfgang Winkler · Sitz: Brotfabrik Wien, Absberggasse 29 / Loft 5, 1100 Wien · Schwerpunkt: historische und gesellschaftliche Dokumentarfilme · Team: sieben Personen (Wolfgang Winkler, Doris Liebhart + fünf unbefristet Angestellte) + Freelancer-Netzwerk · Partnersender: ORF III, ORF 1, ORF 2, 3sat, ServusTV, ARTE, n-tv · mehr als 250 Dokumentationen seit 2009 · Auszeichnungen: Hugo-Portisch-Preis 2024, Fernsehpreis der Erwachsenenbildung 2021